«Es geht um Anwohnererziehung»

Veröffentlicht am 3. Dezember 2016 Ein lesenswerter Beitrag zum Nachtleben:

Anwohner gegen Nachtschwärmer: Eine neue Website soll das Lärmproblem in Zürich lösen. Alexander Bücheli vertritt die Seite der Clubs und Bars. news_image

Sie beteiligten sich an der Plattform Gute-nachtbarschaft.ch. Darauf erhalten Anwohner Verhaltenstipps, wenn der Nachtlärm sie stört. Ist das für Sie als Vertreter der Zürcher Bars und Clubs nicht ein Schuss ins eigene Bein?
Im Gegenteil. Ich denke, dass dadurch die Zahl der Lärmklagen sogar zurückgeht. Es geht auch um Anwohnerschafts-Erziehung. Lärmgestörte erhalten Alternativen aufgezeigt, wie sie Nachtruhestörungen direkt lösen können. Der Polizeianruf ist meistens die letzte aller Lösungen. Die Anwohner sollten ihre Emotionen in den Griff kriegen, damit das Problem nachhaltig gelöst werden kann. Dazu gehört, dass sie den Dialog zum problemverursachenden Gastrobetrieb suchen.

Was haben die Vertreter der Bar- und Clubszene davon, wenn sie sich an diesem Projekt beteiligen?
Das Nachtleben gehört ebenso in die Innenstadt wie die Anwohner. Wir wollen keine seelenlosen, anonymen Bürolandschaften, die in der Nacht bedrohlich wahrgenommen werden. Damit wir diese Heterogenität aufrechterhalten können, braucht es den Dialog zwischen den verschiedenen Interessenvertretern. Wir stehen ein für ein starkes und abwechslungsreiches Nachtleben – im konstruktiven Sinn. Wir wollen mehr Zusammenarbeit, eine Politik, die ermöglicht und nicht nur verhindert und reguliert.

Das klingt vernünftig, aber auch ein wenig bieder.
Zugegeben: Dieses Projekt ist sehr zürcherisch. Ein runder Tisch und der fortlaufende Dialog: Es gibt die Tendenz, es allen recht machen zu wollen. Das ist toll, weltweit einmalig, hat aber auch seine Grenzen. Zürich ist nicht Berlin, da dürfen wir uns nichts vormachen. Wir haben die Realität der kleinräumigen Stadt, die uns im Nachtleben einschränkt. Deshalb braucht es diesen Dialog.

Die Nachtcafé-Bewilligungen haben sich seit den 1990er-Jahren versiebenfacht. Braucht es wirklich so viele Nachtclubs?
Eine Nachtcafé-Bewilligung ist nicht gleichbedeutend mit einem Nachtklub – auch der McDonalds braucht eine solche Bewilligung. Das Zürcher Nachtleben ist weiterhin das attraktivste in der Schweiz und zieht jedes Wochenende tausende Besucher an.

Dennoch, wann ist für Sie die Grenze erreicht?
Ich denke, wir haben ein gutes Mass erreicht, welches zu halten gilt. Für innovative Ansätze wird es weiterhin Platz geben. Was passiert, wenn das Nachtleben verdrängt wird, erleben wir gerade in Städten wie Paris oder London. Nachdem in den Innenstädten viele Clubs schlossen, wird jetzt versucht, das Nachtleben wieder anzukurbeln. Die Verantwortlichen haben gemerkt: Das Nachtleben ist die urbane Visitenkarte einer Stadt. Metropolen verlieren ihre gute Position im Städteranking, wenn sie kein attraktives Nachtleben haben.

Weshalb ist das so wichtig?
Es besteht ein universelles Bedürfnis nach sozialem Austausch, eine Zerstreuungsmöglichkeit im durchstrukturierten Alltag. Arbeitgeber wie Google werben in ihren Stelleninseraten mit dem attraktiven Zürcher Nachtleben. Sie kennen die Bedürfnisse ihrer Arbeitskräfte. Die Clubs und Bars werden auch zum Knüpfen wichtiger Kontakte und Aufbau von Netzwerken genutzt. Das befördert die Wirtschaft. Berlin ist ein gutes Beispiel: Das Nachtleben beschleunigte dort die Kreativwirtschaft und bringt immer wieder wertvolle Start-ups mit attraktiven Arbeitsplätzen hervor.

Viele Menschen wollen einfach nur ihre Ruhe haben.
Ruhe gibt es in Zürich genügend. Der meiste Lärm entsteht durch Strassen, die SBB und Kirchenglocken. Es sollte jetzt keine Panik gemacht werden. Zürich wird nie Wochenende für Wochenende durch Zehntausende Party-Touristen bevölkert. Dafür ist die Stadt zu klein und bietet zu wenig Rambazamba. Solche Szenarien beschränken sich auf Grossanlässe wie die Street-Parade.

Dennoch hält sich die Zahl der Lärmklagen auf konstant hohem Niveau.
Die Zahl der Lärmklagen hat leicht abgenommen. Letztes Jahr gab es 4550 Lärmklagen, wovon aber nicht alle in der Nacht eingegangen sind. Gehen wir davon aus, dass jede Klage einem Haushalt entspricht, dann wären etwas mehr als zwei Prozent durch Lärm betroffen. Nun sind es aber nicht selten die selben Personen, die anrufen.

Gibt es den typischen Kläger?
Leute, die sich beschweren, sind oftmals jene, die sich eine Wohnung in einem anderen Quartier leisten könnten. Es ist nicht wie an der Rosengartenstrasse: Dort können sich die Bewohner meist keine andere Wohnung leisten und haben deshalb keine Alternative zum Lärm von der Strasse. Wer in ein neues Quartier zieht, trägt auch eine Verantwortung: Es gibt detaillierte Lärmkarten, die genau aufzeigen, wo es am lautesten ist. Dort müssen sich die Personen informieren, bevor sie sich entscheiden. Es kann nicht sein, dass das Ruhebedürfnis von Neuzugezogenen dazu führt, dass die wirtschaftliche Existenzgrundlage eines Betriebes wegbricht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Quelle: Artikel im Tages Anzeiger vom 03. Dezember 2016

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