St.Galler Bars und Beizen aufs Trottoir

Veröffentlicht am 15. Mai 2020 Nacht Gallen ist erfreut von den schnellen und unbürokratischen Massnahmen des St.Galler Stadtrates über die Ausdehnung der Aussenterassen. Wir hätten den Stadtrat jedoch gerne noch etwas mutiger gesehen, so das auch Gastronomiebetriebe, ohne eine Baubewilligung für eine Aussenbestuhlung oder begrenzten Platzverhältnissen, grosszügig raustuhlen können. Den diese Betriebe werden nun auf den Sommer hin doppelt bestraft. news_image

St. Galler Tagblatt, Sandro Büchler, 15.05.2020

Die litauische Hauptstadt Vilnius als Vorbild: Jetzt drängen St.Galler Bars und Beizen aufs Trottoir

Gartenbeizen in der Stadt St.Gallen dürfen mit einem Gesuch öffentlichen Boden nutzen. Doch «Nacht Gallen» will mehr, um den Gastronomen zu helfen.

Vor dem Restaurant 90 Grad auf dem Marktplatz stehen der Wirt und ein Stadtpolizist und diskutieren. Dann wird das Massband ausgelegt. Vier Sitzplätze pro Tisch, zwei Meter Abend zum Nebentisch. Mit diesen Regeln können Restaurants, Cafés und Bars seit Montag wieder öffnen.

Da dies für einige Gastronomen jedoch nicht ausreicht, um gewinnbringend zu wirtschaften, können sie seit Montag auch öffentlichen Boden für ihre Gartenbeiz beanspruchen. Voraussetzung ist ein Gesuch an die Stadt. Vor Ort soll die Stadtpolizei jeden Fall einzeln prüfen. Denn durch die Erweiterung der Aussenfläche dürfen nicht mehr Gäste bedient werden als pro Lokal bewilligt. Beizen und Bars müssen zudem von Mitternacht bis 6 Uhr geschlossen bleiben.

Wo es die Platzverhältnisse zulassen, hilft die zusätzliche Bestuhlung enorm.

«Wir sind superhappy, dass es so schnellgegangen ist», freut sich Lukas Hofstetter über das unbürokratische Handeln der Stadt. Er ist Veranstalter und Vorstandsmitglied von Nacht Gallen, dem Verein, der sich für ein lebendiges Nachtleben in der Stadt einsetzt. Die Gastronomen seien froh um jeden Rappen, der zusätzlich reinkomme.

Hofstetter hätte den Stadtrat gern noch etwas mutiger gesehen. «Beizen mit wenig Platz draussen sollten auch auf dem Trottoir bestuhlen oder einen Parkplatz nutzen können.» Hofstetter erwähnt Litauens Hauptstadt Vilnius. Dort hat der Bürgermeister vor kurzem beschlossen, den ganzen öffentlichen Raum gratis für Strassenbeizen freizugeben. Vilnius wurde über Nacht ein Freiluftcafé. Dies wäre auch in St.Gallen möglich. Hofstetter schwebt eine Piazza auf dem Gallusplatz oder der Kaffeegenuss am Sockel des Vadian-Denkmals vor.

Nacht Gallen will alles tun, um den arg gebeutelten Gastronomen und Veranstaltern auf die Beine zu helfen. Deshalb hatte sich der Verein bereits vergangene Woche mit einem Brief an den Stadtrat und das Stadtparlament gewandt. Die Stadt solle auf verschiedene Gebühren, etwa auf das Wirtepatent oder Bewilligungen, verzichten.

Düster sehe es trotz allem weiterhin für Bars und Clubs aus. Sie können nicht auf Unterstützungsgelder des kantonalen Amts für Kultur hoffen. «Kommerzielle Orte, deren Betreiber mit Konzerten und DJs ebenfalls zur Kultur beitragen, können sich nur mit Krediten über Wasser halten», sagt Hofstetter. Anders in Zürich: Dort hat der Kanton den notleidenden Clubs finanzielle Hilfe zugesagt. Die Clubkultur sei genauso schützenswert wie das Sechseläuten, befand Madeleine Herzog, Leiterin der Zürcher Kulturfachstelle. Sie leitete bis vor sechs Jahren noch die Kulturförderung der Stadt St.Gallen.

Eine gestern bekannt gewordene Nachricht enttäuscht Hofstetter zudem. Der Stadtrat will den Pilotversuch für mediterrane Nächte um ein Jahr verschieben. «Es ist schade, dass dies auf die lange Bank geschoben wird. Das Unterfangen wäre jetzt wichtiger denn je.

www.tagblatt.ch/die-litauische-hauptstadt-vilnius-als-vorbild

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