Unser Kollege aus Bern zum dortigen Nachtleben:

Veröffentlicht am 14. Oktober 2014 «Das Nachtleben ist für mich eine Herzensangelegenheit»
Der neue Mr. Nachtleben aus Bern: Remo Sägesser über lange Partynächte, Zoff bei der Reitschule und neue Brennpunkte in der Bundesstadt.
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Er tanzt gerne zu Elektro-Musik im Bonsoir, moderiert eine eigene Radiosendung, politisiert für die Grünliberalen und wohnt in der Lorraine: Remo Sägesser hat letzte Woche von Thomas Berger das Präsidium des 2011 im Nachgang zu Clubschliessungen gegründeten Vereins Pro Nachtleben Bern übernommen. Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Studienzeiten an der Berner Fachhochschule. Der Betriebsökonom arbeitet bei der Spital Netz Bern AG.

 

«D Party isch verby», heisst es für viele Leute mit 30. Warum über­nehmen Sie mit 32 Jahren das Präsidium von Pro Nachtleben Bern? Zu den grossen Drum-’n’-Bass-Zeiten hat man mich oft im Dachstock der Reitschule oder im Wasserwerk angetroffen. Aber es ist in der Tat schon länger her, dass ich um sieben Uhr morgens vom Ausgang heimgekommen bin. Ich ziehe aber noch immer dann und wann durch die Clubs und bin mit vielen DJs, Veranstaltern und Musikern befreundet. Das Nachtleben ist für mich eine Herzensangelegenheit, für die ich mich mit vollem Engagement einsetzen will.

Kritiker sagen, Pro Nachtleben 
Bern liege seit den Strassen­schlachten am «Tanz dich frei» im Koma. Wie wollen Sie die Bewegung 
wieder aufwecken? Die Vernetzung von Pro Nachtleben Bern über die Agglomerationsgrenzen hinaus ist mir ein grosses Anliegen. Auch die Nachtschwärmer in Biel, Thun und Burgdorf brauchen eine Stimme. In Bern müssen wir unsere Kräfte zusammen mit der Bar- und Clubkommission (Buck) bündeln, indem wir uns einander annähern. Ein Allerweltsrezept, wie wir unsere Basis verbreitern können, gibt es aber nicht. Denn die Zeit der knackigen Themen, der «quick wins», ist vorbei.

Ein Dauerbrenner bleibt die Reitschule. Gemeinderat Alexandre Schmidt (FDP) will nach den jüngsten Randalen eine temporäre Schliessung prüfen. Was sagen Sie dazu? So eine Aussage ist für mich schlicht nicht nachvollziehbar. Natürlich ver­urteilen wir die Attacken der Krawall­macher auf Polizisten. Ich will niemanden anfeinden. Aber es ist sehr schade, dass die Reitschule trotz den tollen Ange­boten einen dermassen schlechten Ruf innehat.

Die Reitschule-Betreiber foutieren sich nach wie vor um das Nacht­leben-Konzept. Wie wollen Sie die Leute ins Boot holen? Vertreter der Ikur wären bei uns herzlich willkommen, aber wir können natürlich niemanden zwingen, bei uns mitzuarbeiten. Wir haben uns vom Verein Pro Nachtleben Bern immer vor die Reitschule gestellt und würden einen besseren Austausch begrüssen. Bislang haben wir allerdings eine eher ablehnende Haltung erlebt.

Die Reitschule zieht immer mehr Teenager an, sie feiern lieber auf dem Vorplatz als etwa im Gaskessel. Ist das im Sinne der Stadt? Eines der wichtigsten Ziele von Pro Nachtleben Bern ist, dass für die 16- bis 20-Jährigen ein weiterer Treffpunkt ohne Konsumzwang entsteht. Mit dem geplanten Jugendlokal an der Nägeligasse ist die Stadt auf dem richtigen Weg, dort sollte es bald vorwärtsgehen. Ein adäquates Angebot für die Teenager könnte zu einer Verschiebung von der Reitschule führen. Aber es ist nicht an uns, zu sagen, wo die Jungen ihre Abende verbringen sollen.

Vor nicht allzu langer Zeit sorgte die Ausgehmeile Aarbergergasse fast jedes Wochenende für Negativschlagzeilen. Wo sehen Sie die künftigen Brennpunkte des Berner Nachtlebens? Es hat in der Vergangenheit an vielen Orten «gebrannt». Nun hoffe ich, dass stabilere Zeiten auf uns zukommen. In der Aarbergergasse ist es tatsächlich ruhiger geworden, das Sicherheitskonzept hat gegriffen. Neue Lokale sind in den Quartieren aufgegangen, dort läuft mehr als früher. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass dies ein Problem ­darstellt.

Nachtleben und Politik sind eng miteinander verknüpft. Dient 
Ihr Amt bloss als Sprungbrett für eine Politkarriere? Ich engagiere mich erst seit zwei Jahren für die Grünliberalen und habe mich nun bewusst entschieden, nicht parteiintern vorwärtszumachen, sondern mich für das Nachtleben zu engagieren. Ich habe nicht das Amt angenommen, um in den Stadtrat zu kommen. Das ideale Sprungbrett ist es sowieso nicht: Das Nachtleben ist laut und dreckig, mit dem Thema schafft man sich nicht nur Freunde.

Was ist Ihr grösstes Ziel beim Thema Nachtleben? Unser Verein ist im Nachgang zu den Schliessungen des Sous-Soul- und des Wasserwerk-Clubs entstanden. Es wäre ein grosser Erfolg, wenn das Gastgewerbe künftig von den Gemeinden und nicht mehr vom Kanton geregelt würde. Dadurch würden die Stadtbehörden mehr Spielraum erhalten. (Der Bund)


Quelle: Artikel im Bund vom 01.10.2014

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